Kapitel 10
Nachbemerkung
Erstellt von VelioraX
Diese Geschichte ist erfunden. Lina Voigt, ihre Mutter, Petra, Sonja, Frau Malm, Brigadierin Holz und der Erzieher Kern sind keine Abbilder wirklicher Personen. Das Kinderheim am Anfang trägt absichtlich keinen echten Namen.
Was Lina widerfährt, folgt belegten Berichten über die Heimerziehung in der DDR: die Einweisung ohne den Willen des Kindes, die Zensur der Briefe, Kollektivstrafen, das Stehen in der Ecke, die fehlende Intimsphäre, das Verbot, der Mutter die Wahrheit zu sagen, weil die Gruppe es danach heimzahlte. Der Jugendwerkhof Neues Leben in Wolfersdorf existierte. Überliefert sind dort der durchgetaktete Tag ab halb sechs, die Arbeit im Kollektiv, Arrestzellen mit hochklappbarer Pritsche, gemauertem Tisch und Hocker, und Strafen bis zu drei Tagen durch den Leiter, länger nur mit Genehmigung der Bezirksstelle.
Der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau war von 1964 bis 1989 die Endstation dieses Systems, unterstellt dem Ministerium für Volksbildung. Mehr als viertausend Jugendliche zwischen vierzehn und achtzehn kamen dorthin, keiner durch ein Gerichtsurteil. Belegt sind die Mauer, die Hunde, die Gitter, die hellgrünen Zellen, der Zuführungsarrest, das Scheren der Haare, die entwürdigende Aufnahme, die Meldung in Grundstellung, der militärische Tageslauf, der Akkord, der Torgauer Dreier, die Strafe der ganzen Gruppe für die Langsamkeit eines Einzelnen und die Gewalt, die daraus unter den Jugendlichen selbst entstand. Die Aufenthaltsdauer wurde oft nicht mitgeteilt. Körperliche Züchtigung war offiziell verboten und kam trotzdem vor. Sexualisierte Gewalt ist von Überlebenden bezeugt. Dieser Roman schildert sie nicht aus. Er tut nicht so, als habe es sie nicht gegeben.
In Torgau erinnert heute die Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau an die Eingeschlossenen. Viele von ihnen können bis heute nicht darüber sprechen. Linas letzter Satz gehört nur ihr. Er soll niemandem die eigene Sprache wegnehmen.