Trotz allem bin ich noch hier

Erstellt von VelioraX · 80 %

Kapitel 9

Noch hier

Erstellt von VelioraX

Die Straße vor dem Tor war zu breit. Niemand zählte meine Schritte. Das war so ungewohnt, dass ich stolperte, ohne dass ein Stein da lag. In der Stadt roch es nach Brot und nach Diesel, gewöhnliche Gerüche, die mir vorkamen wie eine Sprache, die ich einmal konnte und deren Wörter ich einzeln wiederholen musste. Eine Frau mit einem Kinderwagen sah mich an und dann weg. Ich sah aus wie jemand, der aus einem Haus kommt, über das man nicht spricht. Das stimmte.

Meine Mutter öffnete die Wohnungstür und hielt sich am Rahmen fest. Sie sagte nicht, mir geht es gut. Sie sagte meinen Namen, zweimal, als prüfe sie, ob er noch in ihrem Mund funktioniert. Ich habe den Knopf auf den Küchentisch gelegt. Sie erkannte ihn nicht sofort. Als sie ihn erkannte, setzte sie sich auf den Boden, nicht auf den Stuhl, und ich setzte mich dazu, weil Stühle in den letzten Jahren anderen gehört hatten. Wir sind nicht klug geworden an diesem Abend. Wir haben Tee getrunken, der zu stark war, und die Tür nicht abgeschlossen, bis sie es doch tat, aus Gewohnheit, und ich die ganze Nacht die Klinke im Blick behielt.

Die Jahre danach waren kein Sonnenaufgang. Ich habe Arbeiten angefangen und verlassen, wenn eine Tür hinter mir ins Schloss fiel und der Ton zu sehr nach Metall klang. Beim Arzt blieb ich im Flur stehen, bis jemand meinen Namen rief, und manchmal ging ich dann trotzdem, weil geschlossene Kabinen nach Zellen riechen, auch wenn sie nach Desinfektion für ganz andere Dinge riechen. Ich habe einem Mann, der mich mochte, nicht erklären können, warum ich nicht schlafen kann, wenn er auf der Seite der Tür liegt. Er hat es persönlich genommen. Es war persönlich. Es war nur älter als er.

Den Teilfacharbeiter, den sie mir in die Papiere schreiben wollten, hat später niemand anerkannt. Das war keine Überraschung und trotzdem eine zweite Strafe, die erst kam, als die Mauer schon offen war und die Leute so taten, als seien Akten nur Papier. Papier hatte mich weggebracht. Papier hatte mich behalten. Ich misstraue Mappen bis heute, auch freundlichen.

Meine Tochter ist sieben, in diesem Frühjahr. Sie geht allein bis zur Bäckerei, um die Ecke, und sie dreht sich nicht um, weil die Ecke ihr gehört. Ich stehe am Fenster, bis ihr Rucksack verschwunden ist. Dann sage ich den Satz laut, nicht zu ihr, zu der Wohnung, die sonst wieder anfängt, nach Kohl und Bohnerwachs zu riechen, obwohl sie nach Kaffee riecht. Trotz allem bin ich noch hier.

Ich bin in Torgau gewesen, einmal, als dort schon die Gedenkstätte war und die Gitter nicht mehr so taten, als seien sie Erziehung. Ich habe die hellgrüne Wand gesehen und den Eimer nicht. Ich habe meinen Namen nicht gemeldet. Eine Mitarbeiterin fragte, ob ich Fragen habe. Ich hatte eine, und ich habe sie nicht gestellt, weil sie keine Antwort brauchte. Die Frage war, ob der Knopf noch gilt, wenn die, die ihn angenäht hat, ihn nicht mehr tragen kann. Petra weiß ich nicht zu finden. Sonja auch nicht. Meine Mutter ist seit drei Jahren tot und hat bis zuletzt den guten Satz gesagt, wenn Behörden anriefen, aus einem Reflex, den ich ihr nicht mehr abgewöhnen konnte.

Was ich erzähle, ist meine Stimme und nicht die aller. Manche sind nicht herausgekommen als Leute, die noch erzählen können. Manche erzählen anders, schärfer, mit den Schlägen beim Namen und mit Nächten, die ich nur an der Tür zähle. Ich schulde ihnen, nicht so zu tun, als sei mein Schweigen über manche Dinge dasselbe wie ihr Nichtgeschehen. Es ist nur die Grenze dessen, was ich in einen Raum legen will, in dem vielleicht ein Kind mitliest. Die Grenze ist nicht die der Erinnerung. Die Erinnerung hat keine.

Hier ist, was bleibt, wenn ich die Orte in der richtigen Reihenfolge sage, damit sie nicht nur innen weiterarbeiten: das Kinderheim, in das ich mit sieben kam, ohne Urteil und ohne die paar Tage, die meine Mutter versprach. Der Jugendwerkhof Neues Leben in Wolfersdorf, wo der Tag um halb sechs begann und der Arrest eine hochgeklappte Pritsche war. Der Geschlossene Jugendwerkhof Torgau, in den ich ohne Gericht kam, hinter Mauer, Hund und Gitter, in eine grüne Zelle und danach in eine Gruppe, die uns erzog, indem sie uns gegeneinander stellte. Zwischen 1964 und 1989 waren es dort mehr als viertausend Jugendliche. Ich war eine. Ich bin nicht das System. Ich bin die, die danach Kaffee kocht und am Fenster wartet.

Wenn meine Tochter zurückkommt, hat sie Zucker am Mund und eine Geschichte von der Verkäuferin, die ihr eine Brezel mehr gegeben hat. Ich höre zu, als sei das die wichtigste Meldung des Tages. Das ist sie. Ich wische den Zucker nicht sofort weg. Manche Spuren dürfen bleiben. Ich bin noch hier. Der Satz ist kein Trost, den uns jemand schuldig war. Er ist der Beweis, den ich selbst antreten lasse, jeden Morgen, ohne Glocke.