Kapitel 8
Hellgrün
Erstellt von VelioraX
Der Tag in Torgau begann um halb sechs und hörte nicht auf, ein Befehl zu sein. Aufstehen, Frühsport, Waschen, Betten, Frühstück um Viertel nach sieben, dann Arbeit. Vieles im Laufschritt. Wer schlappmachte, schenkte der ganzen Gruppe eine Runde, und die Gruppe schenkte es ihm nachts zurück. So schloss sich ein Kreis, den kein Erzieher mehr selbst laufen musste. Das Kollektiv erzog. Das hatten sie schon im Heim gesagt. Hier stimmte es auf eine Art, die ich niemandem als Pädagogik verkaufen könnte.
Wir arbeiteten im Akkord. Kleine Teile, immer dieselben, die Norm an der Tafel, und wenn die Norm fiel, fiel mit ihr der Abend. Ich hörte, die Teile gingen in Dinge, die im Westen verkauft wurden. Ob das für jede Schicht stimmte, weiß ich nicht. Es stimmte als Gefühl: Unsere Hände waren billig, und jemand außerhalb der Mauer bekam etwas Glattes, das nicht nach uns roch. Mein Teilfach, hieß es, könne ich mir danach anrechnen lassen. Danach war ein Land, das ich mir nicht vorstellen durfte, solange die Zahl nicht stimmte.
Über den Lautsprecher kamen die Nachrichten. Aktuelle Kamera, die Stimme aus dem Kasten, und wehe, du hattest nicht zugehört. Am Abend fragte Kern nach einer Meldung. Ein Mädchen nannte die falsche Stadt. Sie ging in den Arrest, und niemand erfuhr von uns, ob für drei Tage oder für mehr. Wir erfuhren nur, dass Zuhören keine Freizeit war. Zuhören war eine weitere Schicht.
Jungen und Mädchen durften einander nicht ansehen. Ein Blick über den Hof, zu lang, und beide Seiten bekamen Sport. Ich habe einmal hingesehen, weil jemand meinen Namen sagte, der nicht meiner war, und ich prüfen wollte, ob doch. Der Junge sah im selben Moment weg, zu spät. Wir liefen. Liegestütze, Kniebeugen, der Sprung, den sie den Torgauer Dreier nannten, eine Folge, die der Körper behält, auch wenn der Kopf sie vergessen will. Hundert waren nichts, worüber man sprach. Darüber sprach man nicht, weil das Sprechen Luft kostete.
Sonja kam zwei Wochen nach mir, aus einem anderen Heim, nicht aus Wolfersdorf. Sie lief langsam. Nicht aus Trotz, aus einer Hüfte, die schon vor Torgau nicht mitgemacht hatte. Die Gruppe lief ihretwegen extra. Am Abend gab es keinen Nachtisch und kein Wort, das sie geschützt hätte. In der Nacht hielten zwei sie unter der Decke fest. Ich höre das Laken heute noch, dieses trockene Geräusch, wenn Stoff über einen Mund geht. Ich bin nicht hinübergegangen. Ich habe auch nicht mitgeschlagen. Beides ist wahr, und nur eines davon lässt mich seitdem in Ruhe, nämlich keines.
Am Morgen war Sonjas Gesicht ordentlich. Das lernen Gesichter. Beim Antreten stand sie gerade. Kern lobte die Disziplin der Gruppe. Ich habe in die hellgrüne Wand gesehen und gedacht, dass Grün die Farbe ist, die man wählt, wenn man nicht will, dass Blut darin einen Namen hat. Ob an diesem Morgen Blut floss, weiß ich nicht. Es reicht, dass die Möglichkeit zur Einrichtung gehörte wie der Eimer zur Zelle.
Einmal holten sie uns nachts auf den Hof, weil eine Schicht die Norm nicht geschafft hatte und der Schlaf als Belohnung galt, die man zurücknehmen kann. Der Himmel über Torgau war derselbe wie über der Wohnung meiner Mutter. Das war das Unerträglichste. Nicht die Mauer. Der Himmel, der so tat, als sei er für alle da. Ich habe nicht hochgesehen. Wer hochsieht, vergisst die Füße, und die Füße mussten am nächsten Morgen wieder pünktlich sein.
Briefe durfte ich schreiben und nicht abschicken, nicht so, wie ich sie meinte. Ich schrieb den guten Satz auf das Papier und den anderen in den Kopf. Mama, ich bin in einem Haus, in dem die Wände grün sind und die Tür von außen zugeht. Ich bin fünfzehn. Ich habe einen Knopf verloren, sie haben ihn mit dem Rock weggenommen, er liegt irgendwo in einem Karton mit meinem Namen, falls sie ihn nicht weggeworfen haben. Hol mich nicht. Du darfst nicht. Aber glaub den Satz auf dem Papier nicht. Der im Kopf ist meiner.
Sie sagten mir das Ende nicht an einem Morgen, sondern am Vorabend, als wäre die Gnade selbst eine Art Arrest, den man aussitzt. Sechs Monate waren es nicht ganz geworden. Es hätten auch mehr sein können, wenn ich das Laken nicht ignoriert hätte oder wenn ich mitgeschlagen hätte, das weiß ich nicht. Ursachen waren hier selten sauber. Ich bekam meine Sachen in einem Beutel. Der Rock roch nach einem Schrank. Im Saum saß der Knopf noch. Sie hatten ihn nicht gefunden, oder er war ihnen zu klein für ein Verzeichnis. Ich habe ihn nicht angesehen, solange jemand im Raum war. Erst im Wagen, die Stirn an der Scheibe, habe ich den Saum gedrückt, bis der Abdruck wiederkam.