Kapitel 6
Dauerentweichung
Erstellt von VelioraX
Sonja sagte eines Abends, leise, in das Kissen und nicht zu mir: Wer oft genug geht, den schicken sie irgendwann dorthin, wo Gehen aufhört. Ich fragte nicht, wohin. Fragen machten aus einem Gerücht eine Akte. Aber ich habe das Wort behalten, wie man einen Stein in der Tasche behält, der einen beim Laufen erinnert.
Die zweite Flucht war kein Plan mit einem Bus. Es war ein Rand. Wir waren bei der Erntehilfe, ein Acker außerhalb, zwei Erzieher, die rauchten und die Reihe zählten, aber nicht jedes Gesicht. Ich bückte mich nach einem Korb und richtete mich in die andere Richtung auf, hinter die Hecke, und dann war da ein Graben und danach ein Feldweg. Ich dachte nicht an Gera. Ich dachte daran, eine Nacht nicht im Gleichschritt zu atmen.
Zwei Nächte schlief ich in einer Scheune, in der es nach altem Stroh und nach einer Kuh roch, die es nicht mehr gab. Ich aß Äpfel, die schon fielen. Am dritten Morgen fand mich ein Mann mit einem Hund, kein Diensthund, ein Hofhund, und der Mann erschrak mehr als ich. Er brachte mich nicht zur Polizei aus Bosheit. Er brachte mich hin, weil er nicht wissen wollte, was aus ihm wird, wenn er ein Mädchen aus einem Heim in seiner Scheune hat. Wieder war das Beste der anderen die Tür, die hinter mir zufiel.
In Wolfersdorf wurde nicht geschrien. Schreien wäre eine persönliche Note gewesen, und persönlich war hier selten. Brigadierin Holz las den Satz vor, als sei er Wetter: Dauerentweichung. Dazu die erste Flucht, die in der Akte nicht verjährt war. Dazu das Reden. Dazu der Sonntag. Eine Summe braucht keine Wut. Sie braucht nur jemanden, der addieren darf.
Ich durfte nicht in die Näherei, bis entschieden war. Entscheidung hieß, dass Menschen in einem anderen Zimmer über meinen Körper verfügten, ohne dass mein Körper mit im Zimmer saß. Sonja drückte mir im Vorbeigehen Brot in die Hand, kleiner als Petras damals, und flüsterte: Wenn sie Torgau sagen, iss vorher. Ich habe es gegessen. Es schmeckte nach der Norm, die wir am Vortag nicht geschafft hatten, und nach einer Fürsorge, die sich nicht leisten konnte, laut zu sein.
Sie sagten Torgau an einem Donnerstag, morgens, nach dem Sport, damit der Körper schon müde war und der Kopf keine Heldin spielte. Geschlossener Jugendwerkhof. Kein Gericht, kein Urteil, kein Datum, an dem es sicher vorbei sein würde. Jemand sagte, bis zu sechs Monaten, und jemand anderes sagte, das sehe man dann. Der Satz dazwischen gehörte niemandem und mir ganz: Man wird dich nicht fragen.
Ich habe den Rock mit dem Knopf angezogen, weil sie sagten, die eigenen Sachen kämen mit, würden aber dort abgegeben. Ich habe den Saum angefasst, als wäre er ein Gesicht. Petra war fort, meine Mutter glaubte den guten Satz, Sonja blieb an der Nähmaschine. Ich stieg in einen Wagen mit vergitterten hinteren Scheiben und sah Wolfersdorf kleiner werden, dieses neue Leben, das vor allem eines gewesen war: ein Tag, der keine Minute verschenkte.