Kapitel 5
Neues Leben
Erstellt von VelioraX
Am Tor stand Jugendwerkhof Neues Leben, und darunter Wolfersdorf, als brauche der Name eine Erklärung. Der Hof war ordentlich. Ordnung ist das Erste, was solche Orte dir zeigen, damit du glaubst, dir könne nichts Ungeordnetes geschehen. Ich war vierzehn, offiziell jetzt schwer erziehbar, und ich kam in eine Brigade von Mädchen, die alle schon wussten, wo man die Hände hält, wenn jemand den Raum betritt.
Um halb sechs stand das Mädchen vom Dienst auf und riss uns aus dem Schlaf, nicht grob und nicht sanft, sondern wie man eine Norm erfüllt. Fünfzehn Minuten später standen wir im Hof. Frühsport, dann Waschen, dann das Bett, so glatt, dass eine Münze, die niemand warf, hätte liegen bleiben müssen. Um kurz nach sechs wurde der Schlafraum benotet. Wer die Note verdarb, verdarb sie für die Brigade. Zwanzig Minuten blieben für das Frühstück. Um sieben begann die Arbeit. Dazwischen wurde angetreten. Allein über den Hof gehen durfte niemand. Allein war ein Mangel.
Ich kam in die Näherei. Wir nähten Gurte, immer dieselbe Naht, und die Zahl stand an der Tafel, und wenn wir die Zahl erreichten, stand am nächsten Montag eine höhere. Das nannte sich Erziehung zur Arbeit. Meine Finger waren am dritten Tag blutig an der Kuppe, und ich lernte, das Blut nicht auf den Gurt zu bringen, weil Ausschuss der Brigade gehörte und nicht mir. Wurde das Soll verfehlt, fiel das Abendbrot aus oder es gab Sport, bis jemandem die Knie weich wurden. Danach sahen die anderen dieses Mädchen an, als hätte es ihnen das Brot aus der Hand genommen. Manchmal hatte sie das, ohne es zu wollen. Der Wille interessierte die Zahl nicht.
Einmal in der Woche saßen wir über der Zeitung. FDJ-Abend, hieß das, auch wenn niemand freiwillig die Hand hob. Ich sagte auf eine Frage nach einer Rede etwas, das fast stimmte und im Nebensatz falsch war. Der Nebensatz kostete den Sonntag. Nicht nur meinen. Die Brigadierin Holz sagte, das Kollektiv trage die Folgen, damit der Einzelne lerne, dass sein Mund nicht ihm gehöre. Mein Mund hatte schon im Kinderheim aufgehört, mir zu gehören. In Wolfersdorf bekam er ein Protokoll.
Arrest gab es im Keller, fünf Zellen, sagte man, ich habe nur eine gesehen. Eine Pritsche, die tagsüber hochgeklappt wurde, ein gemauerter Tisch, ein Hocker, ein Eimer. Ich kam hinein, weil ich nach dem Licht noch mit Sonja gesprochen hatte. Sonja war neu und hatte gefragt, ob die Tür nachts von außen abgeschlossen werde. Ich hatte ja gesagt. Ja war schon zu viel. Der Leiter erlaubte drei Tage. Drei Tage sind auf einem Papier kurz. In einer Zelle ohne Uhr sind sie ein Geräusch: Schritte, die nicht halten, und einmal am Tag die Klappe, durch die der Teller kommt.
Ich habe die Schrauben an der Tür gezählt. Es waren immer dieselben, und doch zählte ich sie neu, weil eine Tätigkeit, die niemand sieht, noch mir gehörte. Singen war verboten. Pfeifen auch. Ich habe nicht gesungen. Ich habe den Knopf im Saum gedrückt, bis der Abdruck in der Haut blieb, und den Abdruck als Uhr benutzt. Wenn er nachließ, war Zeit vergangen. Als sie mich holten, sollte ich sagen, was ich gelernt habe. Ich sagte: Nicht sprechen. Das war die richtige Antwort. Sie klang wie eine Kapitulation und war eine Beschreibung.
Meine Mutter kam im Frühjahr, an einem Sonntag, der nicht gestrichen worden war. Wir saßen in einem Raum mit Gardinen, die zu sauber waren. Sie fragte, wie es mir geht. Ich sah Sonja nicht, aber ich sah die Brigade, die mich nachher haben würde, wenn ich jetzt die Wahrheit auf den Tisch legte wie ein Messer. Also sagte ich den Satz. Mir geht es gut. Wir lernen einen Beruf. Meine Mutter nickte, erleichtert und zerstört zugleich. Auf dem Rückweg in den Schlafraum haben meine Hände gezittert. Ich habe sie in die Taschen gesteckt, damit das Zittern kein Bericht wurde.