Kapitel 4
Entweichung
Erstellt von VelioraX
Mit vierzehn kannte ich die Lücken im Tag besser als die Regeln. Die Lücke am Zaun hinter der Turnhalle dauerte so lang, wie der Hausmeister rauchte. Ein Junge aus der Lehre, der Brot an die Küche lieferte, sagte einmal, ohne mich anzusehen, der Zug nach Gera halte nicht, aber der Bus schon, wenn man die Landstraße hinuntergehe und nicht renne. Rennen sehe aus wie Weglaufen. Gehen sehe aus wie ein Auftrag.
Ich ging in einer Nacht im Oktober, nach dem Licht, mit dem Rock, in dem der Knopf saß, und mit Brot unter dem Pullover. Der Wald roch nach nassem Laub und nach der Freiheit, die in Büchern größer ist als in Schuhen. Meine Schuhe waren heimisch, das heißt, sie drückten an der gleichen Stelle wie bei dem Mädchen, das sie vor mir getragen hatte. Ich bin nicht gerannt. Ich habe auf die Straße geachtet und auf die Scheinwerfer.
Ein Lastwagen hielt, weil ich den Daumen hob, wie ich es an der Landstraße gesehen hatte. Der Fahrer fragte, wohin. Ich sagte, zu meiner Mutter. Er schwieg eine Weile und fuhr. Kurz vor der Stadt wurde er unruhig. Vielleicht wegen meinem Alter. Vielleicht wegen dem Stempel, den Heimkinder auf der Stirn tragen, unsichtbar und trotzdem lesbar. Er setzte mich an einer Wache ab und sagte, es sei zu meinem Besten. Die besten Sätze gehörten immer den anderen.
Sie brachten mich nicht sofort zurück. Sie brachten mich in ein Zimmer mit einer Bank und ließen mich warten, bis es hell wurde. Jemand rief im Heim an. Jemand rief bei meiner Mutter an. Am Vormittag saß sie da, kleiner als in meiner Erinnerung, die Hände um eine Tasche, die sie nicht öffnete. Sie sagte: Ich darf dich nicht behalten. Sonst kommen sie wieder, und dann ist es schlimmer. Sie sagte es ohne den guten Satz. Es war der ehrlichste Satz, den ich seit Jahren gehört hatte, und er half mir nicht.
Zurück im Heim stand ich beim Antreten, und die Gruppe erfuhr, dass ihretwegen ein Sonntag unsicher geworden war. Die Rache war nicht immer eine Faust. Manchmal war sie das Ausbleiben des Brots auf dem Kissen. Manchmal war sie ein Rempler auf der Treppe, der wie Zufall aussah. Frau Malm sagte, wer wegläuft, beweist, dass das Kollektiv noch nicht gewirkt hat. Das Kollektiv war das Wort für uns, wenn wir einander wehtun sollten und es Erziehung hieß.
Im Winter saß eine Kommission. Diesmal galt sie mir. Ein Mann las aus der Mappe, ohne meinen Namen oft zu brauchen. Schwer erziehbar. Entweichung. Ungenügende Einordnung. Meine Mutter sei mit der Erziehung überfordert gewesen, das Heim ebenfalls, wenn ich so weitermache. Ich verstand, dass ich aufgehört hatte, ein Kind zu sein, das abgeholt worden war. Ich war ein Vorgang geworden. Vorgänge schickt man weiter, wenn ein Haus mit ihnen nicht fertig wird.
Sie nannten den nächsten Ort nicht sofort. Eine Erzieherin, nicht Frau Malm, sagte auf dem Flur zu einer anderen, leise, aber nicht leise genug: Wolfersdorf wird das schon richten. Ich kannte das Wort nicht. Es klang nach einem Dorf, in dem Hunde im Hof liegen. Ich sollte lernen, dass manche Dörfer Mauern haben, auch wenn man die Mauern erst sieht, wenn man davorsteht.