Trotz allem bin ich noch hier

Erstellt von VelioraX · 20 %

Kapitel 3

Was ich nicht schreibe

Erstellt von VelioraX

Den ersten Brief schrieb ich auf liniertes Papier, das nach dem Heft roch. Mama, hol mich. Ich esse die Suppe nicht. Petra ist die Einzige. Ich will nach Hause, auch wenn du schläfst. Deine Lina. Ich gab ihn Frau Malm, weil Briefe über den Dienstweg gingen. Das Wort Dienstweg lernte ich zusammen mit dem Wort Zensur, nur dass sie Zensur nicht benutzten. Sie sagten, wir helfen dir, damit du nichts schreibst, was die Mama erschreckt.

Der Brief kam nicht zurück und nicht an. Eine Woche später bekam ich ein neues Blatt und den Hinweis, ich könne es noch einmal versuchen, vernünftig. Ich schrieb: Liebe Mama. Mir geht es gut. Wir haben Sport gemacht. Das Essen ist warm. Viele Grüße, Deine Lina. Frau Malm las ihn, nickte und klebte ihn zu. Ich habe zugesehen, wie mein richtiger Satz im Papierkorb lag, und der falsche in den Umschlag ging. Von da an wusste ich, dass Sätze eine Tür sind, die nach außen nur in eine Richtung aufgeht.

Meine Mutter kam im März. Sie trug denselben Mantel, nur ohne den Knopf. Im Besucherzimmer stand eine Pflanze, die niemand goss, und Frau Malm saß auf einem Stuhl an der Wand, als gehöre sie zur Pflanze. Meine Mutter roch nach der Wäscherei. Sie fasste meine Hände an und sagte, ich sei groß geworden. Ich war nicht groß geworden. Ich war nur ordentlicher im Gesicht.

Ich wollte in diesen Mantel kriechen, in das Loch, wo der Knopf gefehlt hatte, und dort bleiben, bis das Auto wieder fort war und ich mit ihm. Stattdessen sagte ich, mir geht es gut. Frau Malm sah nicht einmal hoch. Der Satz stimmte mit dem Brief überein. Meine Mutter weinte trotzdem, leise, damit es nicht als Szene galt. Als sie ging, hob sie die Hand wie am ersten Tag. Diesmal winkte sie. Ich winkte nicht. Winken hätte bedeutet, dass ich einverstanden bin mit dem Abstand.

Die Jahre im Heim waren kein einziger Schnitt. Sie waren dasselbe Messer, immer neu gezogen. Mit zehn durfte ich nicht summen, weil Summen nach dem Essen als Unruhe galt. Mit zwölf gab ich den guten Satz schon am Tisch ab, wenn eine Kommission kam, Leute mit Mappen, die unsere Köpfe zählten wie Inventar. An einem Nachmittag glaubte ich ihn für eine Stunde. Die Sonne lag auf dem Gruppenraum, Petra lachte wirklich, und das Brot war nicht alt. Dann ging die Glocke, und die Stunde war vorbei, und ich schämte mich für den Glauben, als hätte ich mich selbst verraten.

Petra kam weg, in eine Lehre, hieß es. Sie drückte mir im Vorbeigehen zwei Finger aufs Handgelenk, dort, wo man den Puls fühlt. Kein Wort. Ich habe die Stelle den ganzen Abend nicht gewaschen. Am nächsten Morgen war der Saal um ein Bett leerer, und das leere Bett wurde noch am selben Tag neu bezogen, als sei Petra eine Falte gewesen, die man glättet.

Ich blieb. Meine Mutter schrieb jetzt selbst die guten Sätze. Ihre Briefe waren kurz und richtig und rochen nicht nach ihr. Einmal lag ein getrocknetes Blatt darin, vom Hof hinter der Wäscherei, wo im Sommer der Holunder stand. Frau Malm ließ mir das Blatt. Vielleicht weil ein Blatt keine Meinung hat. Ich habe es in den Saum gelegt, neben den Knopf, bis es zerbrach. Staub ist auch eine Art, etwas zu behalten.