Trotz allem bin ich noch hier

Erstellt von VelioraX · 10 %

Kapitel 2

Die Ecke

Erstellt von VelioraX

Der Tag hatte eine Glocke und danach keine Lücken. Aufstehen, Betten, Waschen, Frühstück, Schule, Essen, Aufgaben, eine Stunde, die sie Freizeit nannten und die trotzdem im Gruppenraum stattfand, dann die Nachrichten, dann das Licht. Wer aus der Reihe trat, trat für alle. Das verstanden die Großen schneller als ich.

Am dritten Sonntag blieb die Gruppe im Haus, weil unter meinem Bett Staub lag. Frau Malm sagte es beim Antreten, laut, damit der Staub einen Namen bekam. Meinen. Die anderen durften nicht nach Hause, die, die überhaupt ein Zuhause hatten, das sie noch besuchen durften. Bis zum Abend redete niemand mit mir. Petra auch nicht. Das war keine Absprache, die ich hörte. Es war die Art, wie Luft weggeht, wenn alle gleichzeitig beschließen, dich nicht zu atmen.

Nachts lag auf meinem Kissen ein Stück Brot. Petra tat so, als schliefe sie. Ich habe es gegessen, langsam, damit es länger zu ihr gehörte. Am Morgen stellte sie mein Kopfkissen gerade, bevor die Kontrolle kam, und sagte nichts dazu. So wurden wir nicht Freundinnen. So wurden wir zwei Leute, die wussten, dass die Glocke nicht alles sieht.

Gesprochen habe ich am Tisch, weil jemand mich fragte, ob ich die Suppe wolle, und ich sagte nein. Reden bei Tisch war schon falsch. Nein sagen war noch falscher. Frau Malm stellte mich in den Flur, in die Ecke neben der kalten Heizung, im Nachthemd, die Hände auf dem Rücken. Sie sagte, eine halbe Stunde. Es wurden mehr, weil im Gruppenraum etwas zu Ende besprochen werden musste. Meine Füße auf dem Linoleum hörten irgendwann auf, meine Füße zu sein. Ich habe die Risse in der Farbe gezählt. Die Risse gehörten mir. Die Zeit nicht.

In der Schule saßen die Heimkinder in einer Reihe, ohne dass es jemand so angeordnet hätte. Ein Junge aus dem Dorf sagte das Wort Heimkind, als wäre es ein Fleck auf dem Pullover, den man riechen kann. Ich habe nicht geantwortet. Frau Malm hatte gesagt, wer sich schlägt, bestätigt nur, was die Akte schon weiß. Ich wusste nicht, dass ich eine Akte hatte. Ich stellte mir einen grauen Hefter vor, in dem mein Weinen lag, säuberlich gelocht.

Einmal, ich war schon ein Winter weiter, habe ich ins Bett gemacht. Nicht aus Trotz. Aus einem Traum, in dem die Wohnungstür wieder aufging. Am Morgen roch es, und der Saal wusste es vor mir. Sie ließen mich das Laken im Waschraum selbst scheuern, und beim Antreten wurde es gesagt. Ich habe das Gesicht leer gemacht. Das leere Gesicht war das Einzige, was ich mitnehmen konnte in Räume, die mir nicht gehörten. Frau Malm nickte, als sei das ein Fortschritt.

Sie sagte auch den Satz, den ich später in anderen Häusern wiederhörte, nur mit anderen Stimmen. Du bist noch kein wertvolles Mitglied. Du lernst es. Unterordnen. Nicht tun, wonach dir ist. Nützlich werden. Ich fragte nicht, nützlich für wen. Fragen waren eine Art von Nein.

Nachts nähte Petra mit einer Nadel, die sie aus dem Handarbeitskorb hatte, den Knopf in den Saum meines Heimrocks. Wir hatten kein Licht. Wir hatten ihre Hand auf meinem Fuß, die drückte, wenn auf dem Flur Schritte kamen. Der Knopf saß danach fest. Er war nicht schön. Er war der letzte Gegenstand, der meine Mutter angefasst hatte, ohne eine Erlaubnis einzuholen.