Trotz allem bin ich noch hier

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Man hat mir den Namen gelassen.

Kapitel 1

Sieben

Erstellt von VelioraX

Sie kamen an einem Dienstag. Meine Mutter hatte den kleinen Koffer schon am Abend gepackt und wieder ausgepackt, weil sie den Schlafanzug nicht finden konnte. Morgens lag er auf dem Stuhl, gefaltet, als gehörte er jemand anderem. Sie sagte, es seien nur ein paar Tage. Die Jugendhilfe habe ein Bett, bis sie wieder fest auf den Beinen sei. Das Wort Jugendhilfe kannte ich vom Flur. Eine Frau war schon zweimal dagewesen und hatte in unsere Tassen gesehen.

Ich war sieben. Mein Vater war seit dem Winter nicht mehr in der Wohnung. Die Nachbarin sagte, er sei rüber. Meine Mutter sagte, ich solle das Wort nicht benutzen, schon gar nicht in der Schule. Sie arbeitete Schichten in der Wäscherei und schlief manchmal am Küchentisch ein, die Stirn auf dem Arm. Ich habe ihr dann die Schuhe ausgezogen. Das konnte ich. Ich dachte, wer Schuhe ausziehen kann, wird nicht weggebracht.

Es waren zwei Frauen und ein Mann, der am Auto blieb. Die jüngere Frau roch nach Seife. Sie sagte meinen Namen richtig, Lina Voigt, und danach sagte sie, ich solle den Mantel anziehen. Ich zog ihn nicht an. Ich ging in den Schrank im Flur, zwischen die Mäntel, und hielt die Tür von innen zu. Sie haben nicht lange gesucht. Meine Schuhe standen davor. So dumm ist ein Kind, das sich versteckt und das Licht anlässt.

Im Auto saß ich hinten. Meine Mutter stand auf der Straße ohne Mantel und hielt die Hand so, als winke sie einem Zug. Sie winkte nicht. Der Mann fuhr los, bevor ich das Fenster herunterbekam. Ich habe Schornsteine gezählt, damit ich den Weg zurückwusste. Bei dreißig kam ein Wald, und die Schornsteine hörten auf. Damit war der Weg weg.

Das Heim lag hinter einer Pappelreihe. Über der Tür stand kein Name, den ich behalten sollte. Drinnen roch es nach Kohl und nach Bohnerwachs. An einer langen Leiste hingen Haken, die meisten leer, ein paar mit fremden Mänteln. Eine Erzieherin namens Frau Malm nahm mir meinen Mantel ab, als gehöre er zum Gebäude. Dabei riss ein Knopf. Ich schloss die Faust darum, bevor er auf die Fliesen fiel. Sie sah die Faust und sagte nichts. Vielleicht dachte sie, ich sei trotzig. Trotzig war ein Wort, das ich an diesem Tag lernte und danach nicht mehr vergaß.

Sie schnitten mir die Haare kürzer, als meine Mutter sie je geschnitten hätte. Nicht zur Strafe, sagten sie, wegen der Läuse, die ich nicht hatte. Danach sollte ich mich waschen. Der Raum war kalt, die Fliesen auch, und die Tür blieb einen Spalt offen, weil jemand Wäsche holte. Ich lernte in zehn Minuten, mich so zu drehen, dass das Gesicht zur Wand zeigte. Als ich herauskam, roch ich nach einem Mittel, das in der Kehle brannte, und meine eigenen Sachen waren fort. Die Sachen, die sie mir gaben, waren sauber und zu groß und hatten schon jemand anderen gehört.

Im Schlafsaal standen sechs Betten. Ich bekam das am Fenster, unter dem die Heizung tickte und doch nicht warm wurde. Die Mädchen hießen, wie Mädchen heißen. Ich merkte mir zuerst nur Petra, weil sie mir zunickte, als wäre Nicken hier schon viel. Frau Malm sagte die Regeln, als lese sie aus einem Heft, das sie nicht mehr braucht: nicht sprechen nach dem Licht, nicht an den Schrank der anderen, nicht weinen in die Gruppe hinein. Wer weint, steht. Wer steht, lernt.

Ich habe gewartet, bis das Licht aus war. Dann habe ich doch geweint, in den Ärmel, damit es leiser ist. Aus dem Bett neben mir sagte Petra, ohne böse zu sein: Hör auf. Sonst kommen sie. Ich hörte auf. Der Knopf lag in meiner Faust, bis die Finger taub wurden. Draußen fuhr ein Zug, der nicht meiner war. Ich zählte nicht mehr. Bei sieben hatte das Zählen aufgehört, nützlich zu sein.