Nebel über der Speicherstadt

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Kapitel 8

Morgen an der Elbe

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Ilse Kranz saß im Vernehmungsraum, als wäre es ein Besprechungszimmer mit schlechterem Licht. Den Anwalt hatte sie gerufen und dann gebeten, zwei Minuten zu warten. Die zwei Minuten gehörten Maren, und Ilse nutzte sie nicht für ein Geständnis. Sie nutzte sie für einen einzigen Satz.

„Lotte soll nicht im Raum sein, wenn Sie die Bilder auf den Tisch legen.“

„Das entscheide nicht ich“, sagte Maren. „Und es ist auch nicht mehr Ihre Entscheidung. Das ist der Preis dafür, dass Sie sechsundzwanzig Jahre lang die Stiftungsberichte unterschrieben haben.“

Ilse sah auf ihre Hände. „Ich habe ein Kind aus einer Geschichte herausgeschrieben. Ich dachte, das sei Liebe. Jonas dachte, die Wahrheit sei Liebe. Henrik dachte, Durchhalten sei Liebe. Wir haben alle nur verhindert, dass sie uns ansieht und fertig ist mit uns.“

„Sie sieht Sie an“, sagte Maren. „Heute Nachmittag. Mit Anwalt, mit Protokoll, mit allem, was sich nicht mehr beschneiden lässt wie ein Foto an Ihrer Wand.“

Ilse schwieg. Das war kein Sieg. Maren hatte aufgehört, Vernehmungen als Siege zu verstehen, ungefähr in dem Jahr, in dem sie angefangen hatte, um vier Uhr morgens am Fenster zu stehen.

Der Bericht schrieb sich schwer und dann doch in einem Zug. Stoß, Sturz, Panik, Wasser. Die Bilder, drei von vier, das vierte vor Jahren nach Genf, die Spur dünn, aber vorhanden. Der Zahnarzt, die Urkunde aus Cuxhaven, der Code am Tor, die Gravur im Chronometer. Tarek legte ihr am späten Vormittag ein Foto auf den Tisch: das Werk, gereinigt, die Schrift wieder lesbar. H. Dall, für die Zeit danach.

„Er hat sie für das Leben gravieren lassen, das nach dem Feuer kommen sollte“, sagte Tarek. „Und dann hat er sie bei dem Mann gelassen, der die Wand gebaut hat. Als Pfand oder als Drohung. Jonas hat beides nicht mehr unterscheiden können.“

Maren ging zu Fuß zum Fleet zurück, obwohl der Wagen in der Tiefgarage stand. Der Nebel hob sich in Streifen, und zum ersten Mal seit Tagen sah man die Kanten der Speicher, rotbraun, gewöhnlich, ohne ein Geheimnis, das man ihnen von außen ansehen konnte. Das hohe Fenster, in dem nachts das Licht an- und ausgegangen war, blieb dunkel. Vielleicht war es nie ein Signal gewesen. Vielleicht hatte nur jemand nicht schlafen können.

An einem Stand, der um diese Uhrzeit keine Kunden erwartete, kaufte sie Kaffee in einem Pappbecher, der nach der Wärme roch und nicht nach dem Inhalt. Sie trank ihn an der Kaimauer. Das Wasser ging träge gegen den Dalben, dort, wo sie Jonas gefunden hatten. Sie dachte an den Schlüssel und daran, dass er nie ein Schloss öffnen sollte, das die Polizei nicht finden durfte. Er sollte ein Mädchen zu einem Brief führen. Dass er stattdessen in einer Manteltasche gelegen hatte, war die letzte, ungeschickte Ehrlichkeit eines Mannes, der sein Leben lang Doppelböden gebaut hatte und am Ende keinen mehr ertrug.

Im Büro heftete sie die Kopie des Streichholzbriefchens nicht in die Akte. Das Original blieb beim Asservat, sauber, trocken, ein winziges Papier aus einer Kneipe, die es nicht mehr gab. Sie schrieb den letzten Satz darunter, für sich, nicht für das Gericht.

Drei Namen auf einer Rückseite. Einer im Wasser, einer im Zimmer, einer an der Tür, die seine Tochter nicht durchschritt.

Dann fuhr sie nach Hause. Die Bäckerei hatte auf. Sie kaufte nichts. In der Wohnung tickte die billige Küchenuhr, zu laut, zu schnell, völlig ohne Geheimnis. Maren legte sich auf das Sofa, den Mantel noch über dem Stuhl, und schlief zwei Stunden, ohne zu träumen. Als sie aufwachte, war der Nebel weg, und auf der Elbe lag ein Licht, das sich nicht entscheiden konnte zwischen Messing und Grau.

Sie ließ es so.

Ende

Nebel über der Speicherstadt
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22 Minuten, 8 Kapitel

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