Kapitel 7
Nebel im Fleet
Erstellt von VelioraX
Der Code für das Tor von Block H gehörte einer Wartungsfirma, die Holm und Fleet im Jahr 2009 gekauft hatte. Er funktionierte noch. Das war entweder Nachlässigkeit oder eine Tür, die jemand offenhalten wollte für den Fall, dass er selbst einmal ohne Ausweis dasteht.
Drinnen roch es nach trockenem Holz und nach dem Wasser, das unter den Dielen atmete. Tarek ging links, Maren geradeaus, die Lampen tief, die Stimmen weg. Die offizielle Außenmauer an der Wasserseite klang hohl, wenn man mit dem Knöchel dagegen schlug. Hinter einer Reihe von Kisten, in denen keine Uhren mehr waren, sondern nur die Form von Uhren aus Schaumstoff, ließ sich eine Platte schieben. Jonas hatte sie so gebaut, dass ein Mensch sie allein bewegen konnte und ein Fremder sie für Wand halten würde.
Die Kammer war schmal. Drei flache Pakete standen an der Wand, in Leinen geschlagen. In der Mitte stand Ernst Holm, ohne Mütze, der Bart nass vom Nebel, in der Hand einen Kistenzughaken, der zu schwer war für das, was er damit vorhatte, und zu leicht für eine echte Waffe. Er sah nicht überrascht aus. Er sah aus wie ein Mann, der seit Stunden mit genau diesem Augenblick rechnet und ihn trotzdem nicht geprobt hat.
„Legen Sie das weg“, sagte Maren.
Er legte es nicht weg. Er setzte es nur ab, das Ende auf dem Boden, die Hände noch am Griff. „Sie haben das Fach gefunden. Dann haben Sie den Brief. Dann muss ich Ihnen nicht erzählen, dass Jonas ein Heiliger war. War er nicht. Er hat die Wand gebaut, damit wir die Bilder durchbringen, während vorn die Feuerwehr und hinten die Versicherung dieselbe Geschichte erzählt haben.“
„Wer ist verbrannt?“, fragte Tarek.
Holm sah an ihnen vorbei, auf die Pakete. „Ein Mann, der im Untergeschoss schlief. Ich kannte seinen Namen nicht. Niemand kannte ihn. Das ist der Satz, mit dem wir es uns möglich gemacht haben. Ilse hat die Zähne organisiert. Der Arzt schuldete Henrik etwas, ich weiß nicht mehr was, eine Sache mit einer Tochter und einem Bild, das nicht hätte hängen sollen. Ich bin durch den Rauch nach draußen, die Arme erst nass und dann verbrannt an den Stellen, die nicht nass waren. Aus Henrik wurde der Wächter, und aus dem Wächter wurde ich. Ernst. Ein totes Kind in Cuxhaven hat mir den Rest geliehen. Das ist der Teil, den ich nicht schönreden will.“
„Und Jonas?“
„Jonas wollte aufhören, seit Lotte studiert. Vorher hat er das Geld genommen, in kleinen Uhren, in Aufträgen, die keine waren. Als Ilse das Haus auf Lotte schreiben wollte, hat er die letzten drei Bilder gesucht und gefunden. Hier. Er hat gesagt, sie soll wissen, wovon die Tapeten sind, bevor sie den Schlüssel nimmt.“ Holm lachte kurz, ohne Freude. „Ich habe ihn nicht herbestellt, um ihn zu töten. Ich wollte, dass er den Brief zerreißt. Er hat das Chronometer auf die Kiste gestellt, meine Uhr, und gesagt, die Zeit danach sei um. Ich habe ihn gestoßen. Er ist mit dem Hinterkopf auf die Kante. Danach war da Blut, und dann war da Panik, und Panik macht aus einem Stoß einen Weg zum Wasser.“
Seine Stimme blieb eben. „Ich habe ihn zum Fleet gebracht. Ich habe ihm den Schlüssel zurück in die Tasche gelegt und das Briefchen aus dem Anker. Nicht damit Sie mich finden. Damit irgendjemand die drei Namen auf der Rückseite eines Fotos liest und nicht nur einen Uhrmacher begräbt. Ein bisschen Wahrheit, verteilt auf eine Leiche, damit ich sie nicht selbst sagen muss. Lotte habe ich einen Satz an einer Haltestelle gesagt. Mehr habe ich mich nicht getraut.“
Schritte auf der Treppe. Zu leicht für die Kollegen, die draußen warten sollten. Lotte kam in die Kammer, den Mantel offen, das Gesicht weiß vor Kälte und vor dem, was sie schon gehört hatte. Holm ließ den Haken los. Das Metall fiel um und machte einen Lärm, der in dem schmalen Raum zu groß war.
„Lotte“, sagte er. Nicht wie ein Mann, der einen Trumpf ausspielt. Wie jemand, der ein Wort seit Jahren nur allein geübt hat.
Sie blieb in der Tür. „Sind Sie mein Vater?“
„Ja.“
„Und das Haus?“
Maren antwortete, weil eine Wahrheit, die zu spät kommt, wenigstens vollständig sein sollte. „Es ist gekauft von dem, was diese Bilder eingebracht haben. Ihre Mutter hat die Papiere geführt. Jonas hat die Wand gebaut. Dieser Mann hat die Bilder aus dem Feuer getragen.“
Lotte sah die Pakete an, dann Holm, dann nicht mehr Holm. „Ich unterschreibe nicht“, sagte sie. „Und ich gehe nicht zu Ihnen hinüber. Wenn Sie eine Geschichte mit mir wollen, dann nach dem, was die Polizei aufschreibt. Nicht davor.“
Holm nickte. Er hielt Maren die Hände hin, die Innenflächen nach oben, die alten Narben an den Unterarmen hell im Lampenlicht. „Dann schreiben Sie es auf. Und sagen Sie Ilse, dass ich die letzten drei nicht mehr verkauft hätte. Das muss sie nicht glauben. Es stimmt trotzdem.“
Draußen hatte der Nebel die Gasse verschluckt. Die Kollegen nahmen ihn in Empfang, leise, ohne Theater. Lotte blieb unter dem Vordach. Sie rauchte nicht. Sie hielt nur die Hände so, als brauche sie etwas zwischen den Fingern. Maren stellte sich neben sie und sagte eine Weile nichts. Manchmal war das die einzige Form von Trost, die der Beruf erlaubte.