Nebel über der Speicherstadt

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Kapitel 6

Lotte

Erstellt von VelioraX

Lotte Kranz traf sie in einem Café, dessen Fenster zu neu waren für die Möbel. Auf dem Tisch lagen Grundrisse, mit einer Tasse beschwert. Sie hatte Gips an der Manschette, und sie sah nicht aus wie jemand, der ein Stadthaus in Eppendorf erwartet. Sie sah aus wie jemand, der seit Tagen schlecht isst.

„Meine Mutter hat gesagt, Sie würden kommen“, sagte sie. „Sie hat gesagt, ich soll nichts unterschreiben und nichts erzählen, was ich nicht sicher weiß. Das ist ihr Satz für alles. Für Verträge und für Familienessen.“

„Und das Haus?“, fragte Maren.

„Ein Geschenk, sagt sie. Familienvermögen, über einen Mandanten, der keine eigenen Kinder hat und meiner Mutter seit Jahren vertraut. Ich sollte heute Abend unterschreiben. Ich habe den Termin abgesagt, nachdem ein Mann vor der Hochschule auf mich gewartet hat.“

Sie drehte den Löffel um, ohne ihn zu benutzen. „Ich war sieben. Jemand hat mir eine Spieldose gebracht, klein, mit einer Tänzerin, die sich nicht mehr ganz dreht. Er hat nach Maschinenöl und nach Orangen gerochen. Er hat mich kleine Kammer genannt, und meine Mutter hat gelacht, als wäre das ein altes Spiel. Danach habe ich ihn selten gesehen. Manchmal an Geburtstagen, immer kurz, immer an der Tür. Letzte Woche stand er an der Bushaltestelle. Älter, Bart, dieselbe Art, den Kopf schief zu halten, wenn er zuhört. Er hat gesagt: Unterschreib nicht, bevor du gelesen hast, was im Fach liegt. Er hat mir keine Nummer gesagt. Er hat nur gesagt, der Uhrmacher wisse Bescheid. Ich bin weggelaufen. Ich habe es meiner Mutter erzählt. Sie hat gesagt, das sei ein Spinner, und ich solle die Polizei rufen, wenn er wiederkommt. Sie hat nicht gesagt, dass sie ihn kennt.“

Maren legte das Foto auf die Grundrisse. Lotte beugte sich vor. Ihr Finger blieb über dem Mann rechts hängen, ohne das Papier zu berühren.

„Der. Nur ohne Bart. Und die Augen sind dieselben, wenn er nicht in die Kamera sieht.“ Sie schluckte. „Ist der Uhrmacher der Tote aus den Nachrichten?“

„Ja.“

Lotte nickte, und diesmal war es kein höfliches Nicken. „Er war vorgestern in der Werkstatt, als ich davor stand und nicht hineinging. Ich habe ihn durch die Scheibe gesehen. Er hat eine Uhr angestarrt, als würde sie ihm widersprechen. Ich dachte, wenn ich hineingehe, muss ich eine Entscheidung treffen, und ich wollte die Entscheidung noch nicht. Das ist feige. Ich weiß.“

„Es ist vorsichtig“, sagte Maren. „Bleiben Sie dabei. Unterschreiben Sie nicht. Und kommen Sie heute Nacht nicht auf die Idee, selbst in den Speicher zu gehen.“

Lotte sah sie an. „Wenn Sie mich ausschließen, gehe ich trotzdem. Nicht aus Trotz. Weil seit einer Woche ein Satz in meinem Kopf ist, den ein Mann an einer Bushaltestelle gesagt hat, und weil meine Mutter seitdem nur noch in ganzen Verträgen spricht. Ich bin erwachsen. Sie können mich nicht in ein Café sperren.“

Tarek, der bis dahin die Grundrisse betrachtet hatte, sagte ruhig: „Wir können Sie bitten. Das ist weniger, als Sie wollen, und mehr, als die meisten bekommen.“

Lotte schwieg einen Moment. Dann schob sie die Pläne zusammen. „Bitten Sie. Ich höre zu. Ich verspreche nichts, was ich nach Mitternacht nicht halten will.“

Draußen rief Maren im Büro an und ließ Holm und Fleet beobachten, ohne Scheinwerfer, ohne Heldentum. Der Nebel war zurück, dichter als am Morgen. In solchen Nächten, dachte sie, glaubt jeder, er sei der Einzige auf der Straße.