Kapitel 5
Was 1999 brannte
Erstellt von VelioraX
Das Archiv roch nach warmem Papier und nach dem Kaffee, den niemand aus der Kanne nahm. Der Brandbericht von Speicherblock H war dünn. Elektrik, altes Gebälk, ein Nachtwächter mit Verbrennungen an den Unterarmen. Name: Ernst Holm, Aushilfe, angestellt über eine Firma, die ein Jahr später gelöscht wurde. Henrik Dall: tot, identifiziert durch Ilse Kranz und durch einen Zahnarzt in Altona. Der Zahnarzt war 2004 gestorben. Keine Gegengutachten. Die Akte hatte jemand sehr früh geschlossen.
Vier Gemälde, niederländische Innenräume, waren drei Monate vor dem Feuer als gestohlen gemeldet worden. Eigentümer: ein Sammler in Blankenese, später verstorben. Die Versicherung hatte gezahlt. Der Nachlass des Sammlers lag bei einer Stiftung. Die Stiftung wurde verwaltet von Kranz und Partner.
„Sie verwaltet, was sie selbst hat verschwinden lassen“, sagte Tarek.
„Oder jemand hat die Bilder aus dem Feuer geholt und verkauft sie seit Jahren in kleinen Stücken, damit niemand ein ganzes Museum vermisst.“ Maren blätterte zum Namen des Nachtwächters zurück. Ernst Holm. Dieselbe Handschrift der Sachbearbeiterin, kein Foto in der Akte, das einen Vergleich erlaubt hätte.
Die Firma Holm und Fleet hatte ein Büro in der Veddel, zwei Räume über einem Großhandel für Tauwerk. Die Website zeigte einen Mann mit grauem Bart, die Augen im Schatten einer Schirmmütze, dazu den Satz: Diskrete Verschiffung für empfindliche Fracht. Im Impressum stand Ernst Holm, Geschäftsführer. Geboren, laut Handelsregister, 1970 in Cuxhaven. Tarek verglich das mit dem einzigen Bild, das die Brandakte vom Nachtwächter hatte: ein angesengter Ausweis, das Gesicht halb weggeblitzt.
„Könnte derselbe sein“, sagte er. „Könnte auch jeder Mann mit Bart sein. Die Geburtsurkunde aus Cuxhaven will ich sehen, bevor ich ihn Henrik nenne.“
Die Urkunde kam am späten Nachmittag aus dem Standesamt. Sie war echt. Sie gehörte einem Ernst Holm, der mit drei Jahren gestorben war. Jemand hatte den Totenschein nie mit dem Handelsregister gesprochen. Sechsundzwanzig Jahre lang hatte niemand gefragt.
Maren lehnte sich zurück. Der Stuhl knarzte. Draußen wurde es schon wieder dunkel, obwohl es erst vier war. November in dieser Stadt machte aus dem Nachmittag eine Art Vorzimmer.
„Jonas hat die Wand gebaut“, sagte sie. „Henrik hat die Bilder getragen. Ilse hat den Namen des Toten geschrieben. Das steht so im Brief. Wenn Henrik nicht verbrannt ist, wer dann?“
Tarek las den Einsatzbericht noch einmal. „Ein Mann ohne Papiere, den die Feuerwehr im Nachgang erwähnt. Schlafstelle im Untergeschoss, niemand hat ihn vermisst. Der Körper war zu zerstört für ein Gesicht. Die Zähne haben gereicht, hat der Zahnarzt gesagt. Und Ilse.“
„Dann hat Ilse nicht ihren Freund identifiziert“, sagte Maren. „Sie hat einen Fremden zu ihm gemacht, damit Henrik gehen konnte. Und Holm, der Nachtwächter, war schon der neue Name, bevor der Rauch verzogen war.“
Sie schloss die Akte. „Wir fahren nicht sofort zu ihm. Wir fahren zu Lotte. Wenn das Haus morgen unterschrieben wird, ist morgen das Geld sauberer als heute. Und sie ist die Einzige in dieser Geschichte, die noch nichts unterschrieben hat.“