Kapitel 4
Die Notarin
Erstellt von VelioraX
Ilse Kranz empfing sie in einem Zimmer, das nach Holz und nach sehr leisem Geld roch. Eiche, keine Pflanzen, ein Fenster zum Innenhof. Sie war Anfang fünfzig, das Haar streng, die Hände ruhig. Auf dem Schreibtisch lag eine Akte mit dem Rücken zu ihnen. An der Wand, klein gerahmt, ein Ausschnitt eines Kais: zwei Personen, der dritte fehlte, als wäre das Foto beschnitten worden.
„Jonas Rehberg“, sagte Maren.
Ilse faltete die Hände. „Ich habe es vor einer Stunde in den Nachrichten gehört. Den Namen haben sie nicht genannt. Aber ein Toter am Kehrwieder, und ich habe ihn gestern noch gesehen. Da muss man nicht Notarin sein.“
„Sie haben ihn getroffen.“
„Er wollte das Gespräch. Er war aufgelöst. Er behauptete, ein Mann namens Henrik Dall sei am Leben. Henrik ist 1999 bei einem Brand im Speicherblock H ums Leben gekommen. Ich habe die Identifizierung mit unterschrieben. Jonas wollte das nicht gelten lassen. Er sagte, ich würde meine Tochter in ein Haus setzen, das auf einer Lüge steht.“ Ilse sah Maren an, nicht durch sie hindurch. „Ich habe ihn gebeten, Lotte aus dem Spiel zu lassen. Sie ist sechsundzwanzig. Sie baut Häuser, sie erbt keins, um eine alte Geschichte zu tragen. Jonas ist gegen elf gegangen. Lebendig. Richtung Speicherstadt, ja. Er wollte, sagte er, eine Uhr zurücklegen, die ihm nicht gehöre. Ich bin nicht mitgegangen.“
„Was für eine Uhr?“
„Das hat er nicht gesagt.“ Ein kurzes Zögern, sauber wie eine Korrektur in einem Vertrag. „Eine alte. Er hat immer von Uhren gesprochen, wenn er von Schuld sprach. Das war schon früher so.“
Tarek legte die Kopie des Fotos auf den Tisch, nicht den Brief. Ilse sah es an und wurde nicht blass. Sie wurde stiller, was schwer war, weil sie schon still gewesen war.
„Der Goldene Anker“, sagte sie. „Eine Kneipe in der Neustadt. Zwanzig Jahre geschlossen. Wir waren jung und haben uns für Leute gehalten, die der Stadt etwas zurückholen, das reiche Männer ihr weggenommen haben. Bilder, meistens. Niederländische Innenräume, nichts, worüber die Zeitungen die erste Seite machen. Sammler in Blankenese, die nicht fragen, woher ein gemaltes Zimmer kommt, wenn sie dieselben Fliesen schon im eigenen Haus haben. Henrik hatte die Kontakte. Jonas die Hände. Ich die Papiere.“
„Und dann der Brand.“
„Ein Kurzschluss, hat die Feuerwehr gesagt. Altes Holz, eine Winternacht. Henrik war im Lager, um eine Lieferung zu prüfen, die es offiziell nicht gab. Er ist nicht herausgekommen.“ Ilse tippte nicht auf das Foto. „Ich habe danach aufgehört. Ich habe geheiratet, kurz, schlecht, und ich habe Lotte bekommen. Das Notariat ist sauber. Sie können es prüfen. Ich prüfe mich selbst seit sechsundzwanzig Jahren.“
„Der Nachlass Holm“, sagte Maren.
Zum ersten Mal bewegte sich etwas in Ilses Gesicht, nicht viel, ein Anziehen um den Mund. „Ernst Holm ist ein Mandant. Er lässt ein Stadthaus in Eppendorf auf seine Tochter überschreiben. Die Mutter ist vor Jahren gestorben, die Formalien sind einfach. Weshalb fragen Sie?“
„Weil Jonas den Namen Holm in einem Satz mit Ihrer Tochter benutzt hat.“
„Jonas hat viele Sätze benutzt.“ Ilse stand auf. Die Ruhe war noch da, aber sie hatte eine Kante bekommen. „Wenn Sie eine Theorie haben, legen Sie sie der Staatsanwaltschaft vor, nicht meiner Mitarbeiterin im Flur. Ich war gestern Nacht zu Hause ab elf Uhr zwanzig. Das Taxi ist gespeichert, die Hausverwaltung hat Kameras im Hof. Ich habe ihn nicht angefasst.“
An der Tür sagte Maren: „Ihre Tochter soll das Haus unterschreiben. Jonas wollte, dass sie es nicht tut, bevor sie etwas gelesen hat.“
Ilse hielt die Klinke. „Dann sorgen Sie dafür, dass sie es nicht liest. Manche Wahrheiten kommen zu spät, um etwas anderes zu sein als Grausamkeit.“
Im Aufzug schwieg Tarek bis zum Erdgeschoss. „Sie lügt nicht über das Taxi“, sagte er dann. „Sie lügt über das, was vor dem Taxi war. Und das Foto an der Wand ist beschnitten. Der Dritte fehlt. Wer schneidet einen Toten aus einem Bild, wenn er wirklich tot ist?“
„Jemand“, sagte Maren, „der nicht will, dass die Lebenden ihn wiedererkennen.“