Nebel über der Speicherstadt

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Kapitel 3

Schließfach siebzehn

Erstellt von VelioraX

Der Hauptbahnhof roch um zehn Uhr vormittags nach nassen Mänteln und nach Zimt aus einem Stand, der zu laut war. Die Schließfächer standen in einer Reihe, die schon zu viele Abschiede gesehen hatte. Schlüssel siebzehn ließ sich drehen, als wäre er erst gestern geölt worden.

Im Fach lag wenig, und alles lag flach, als hätte jemand es so hineingelegt, dass es nicht knicken konnte. Ein Foto, eine gefaltete Zeichnung, eine Quittung, ein angefangener Brief.

Das Foto zeigte drei junge Menschen auf einem Kai. Hinter ihnen die Speicher, noch ohne die glatte neue Stadt, die sich später davorstellen würde. Der Mann links war Jonas, das sah Maren auch ohne Pia: die Narbe an der Braue, damals frischer. Die Frau in der Mitte lachte mit geschlossenem Mund. Der Mann rechts hielt eine Flasche am Hals und sah nicht in die Kamera, sondern auf die Frau. Auf der Rückseite, mit Bleistift, in einer Schrift, die sich Mühe gab, deutlich zu sein: Jonas, Ilse, Henrik. Sommer 98. Danach der Anker.

Die Zeichnung war der Grundriss eines Speicherblocks. Block H, Kehrwieder. Ein Raum an der Wasserseite war mit rotem Stift umkringelt. Daneben ein Wort: Kammer. Kein Maßstab, aber eine Tür, die im offiziellen Plan, den Tarek sich auf dem Handy aus der Bauakte holte, nicht existierte. Im offiziellen Plan war dort Außenmauer.

Die Quittung trug das Zeichen einer Kanzlei. Kranz und Partner, Notariat, nahe dem Rathaus. Datum: vor neun Tagen. Beratung Nachlass Holm. Betrag: so hoch, dass es keine kurze Beratung gewesen war. Bezahlt in bar. Die Unterschrift der Empfangenden war ein einziges steiles K.

Der Brief war an Lotte Kranz gerichtet, eine Adresse in der HafenCity, und er brach nach einem Absatz ab.

Du sollst wissen, wovon das Geld kommt, bevor du das Haus unterschreibst. Deine Mutter wird sagen, ich wolle alte Schuld auf dich abwälzen. Sie hat nicht unrecht, was die Schuld angeht. Unrecht hat sie, wenn sie sagt, du seist außen vor. Das Haus in Eppendorf ist nicht das Erbe deiner Großmutter. Es ist der Rest von etwas, das wir aus einem Feuer gezogen haben, das keines war. Ich habe die Wand gebaut. Henrik hat die Bilder getragen. Ilse hat den Namen des Toten geschrieben. Wenn du das liest, bin ich entweder feige gewesen und habe es dir doch nicht gesagt, oder ich bin nicht mehr der, der es dir sagen kann. Frag sie nach der Kammer. Frag sie nach Ernst.

Darunter kein Gruß. Nur die Uhrzeit, klein: 21.10.

Tarek las den Brief zweimal. „Er hat ihn nicht abgeschickt. Er hat ihn ins Fach gelegt, zusammen mit dem Schlüssel, den er danach wieder an sich genommen hat. Das ist kein Versteck. Das ist eine Hinterlassenschaft für den Fall, dass er aus dem Gespräch nicht zurückkommt.“

„Er ist hingegangen“, sagte Maren. „Zu I. K. Ilse Kranz. Und er hat den Schlüssel mitgenommen, weil er wusste, dass wir ihn finden würden, wenn er ihn am Körper trägt. Im Fach wäre er nur ein Fach unter Hunderten gewesen.“

„Ziemlich viel Vertrauen in die Polizei.“

„Nein.“ Maren steckte die Kopien ein. Die Originale blieben beim Asservat. „Vertrauen in eine Gewohnheit. Wir nehmen Toten die Taschen leer. Er hat für Leute gearbeitet, die das wissen.“

Sie standen einen Moment im Lärm der Anzeigetafel. Irgendwo wurde ein Zug nach Kiel aufgerufen. Maren dachte an die Schwester in Lübeck und daran, dass jemand dieser Frau würde sagen müssen, ihr Bruder habe eine Wand gebaut, die keine Wand sein sollte.

„Notariat“, sagte sie. „Und zwar bevor die Notarin erfährt, dass wir den Brief haben.“