Kapitel 2
Die Werkstatt
Erstellt von VelioraX
Die Werkstatt lag in einer Seitenstraße in Rothenburgsort, hinter einem Laden, der Schilder gravierte und um diese Zeit geschlossen war. Im Schaufenster standen Uhren ohne Zeiger. Pia Sörensen öffnete, bevor sie geklingelt hatten. Sie war jung, das Haar hochgesteckt, und an ihren Fingern klebte dasselbe dunkle Öl wie unter dem Nagel des Toten.
„Er ist nicht nach Hause gekommen“, sagte sie. Keine Frage. „Ich habe zweimal angerufen. Jonas geht immer ran, wenn eine Uhr auf dem Tisch liegt.“
Maren sagte es ihr im Flur, nicht zwischen den Werkbänken. Pia nickte einmal, als hätte sie den Satz schon irgendwo gehört und nur auf die Stimme gewartet, die ihn endlich ausspricht. Dann führte sie sie hinein.
Der Raum war warm und eng und voller kleiner Geräusche. Irgendwo tickte ein Regulator, irgendwo eine Uhr mit einem müden Schlag. Auf der mittleren Bank lag ein Marinechronometer, halb zerlegt, die Platine blank, das Zifferblatt abgenommen. Jemand hatte an der Gravur auf der Innenseite des Deckels gefeilt. Maren hielt die Lampe schräg. Zwischen den Kratzern blieben Buchstaben: H. Dall, und darunter, fast weg: 1998.
„Wessen Uhr ist das?“, fragte Tarek.
„Keine Ahnung.“ Pia zog die Ärmel über die Handgelenke. „Jonas hat sie gestern Morgen aus dem Safe geholt. Er hat gesagt, sie gehöre einer alten Geschichte und die Geschichte sei falsch beschriftet. So hat er geredet, wenn er nicht wollte, dass ich nachfrage. Ich habe trotzdem gefragt. Er hat gelacht. Nicht fröhlich.“
Im Kalender an der Wand, ein Papierkalender, keine App, stand unter dem gestrigen Datum: I. K., 22.15. Kein Ort. Darunter, in kleinerer Schrift: nicht die Tochter.
„Wer ist I. K.?“, fragte Maren.
„Keine Kundin, die ich kenne. Gestern Nachmittag hat eine Frau angerufen. Ältere Stimme, sehr deutlich, wie jemand, der beruflich deutlich ist. Sie hat gefragt, ob Jonas die Kammer noch hüte. Ich habe gesagt, hier gibt es keine Kammer, hier gibt es Uhren. Sie hat aufgelegt.“
Pia setzte sich auf den Hocker und stand sofort wieder auf. „Er ist um kurz vor zehn gegangen. Mantel, kein Schirm, obwohl es schon nass war. Er hat gesagt, er müsse eine alte Sache geradeziehen, bevor ein Mädchen ein Haus unterschreibt, das ihr nicht gehört. Ich habe gedacht, er meint irgendeinen Nachlass, irgendeinen Streit um eine Standuhr. Jonas hat oft für Familien gearbeitet, die sich über das Erbe der Großmutter entzweiten. Er hat die Uhren repariert und den Streit nicht.“
Maren fotografierte die Gravur und den Kalender. In der Schublade unter der Bank lag ein Schlüsselbund, keiner davon aus Messing, keiner mit einer Zahl. Der Schlüssel aus der Manteltasche passte hier zu nichts.
„Hat er Familie?“, fragte Tarek.
„Eine Schwester in Lübeck. Ich rufe sie an, wenn Sie es erlauben. Und er hatte…“ Pia suchte das Wort. „Er hatte eine Vergangenheit, über die er nicht sprach, außer wenn er müde war. Dann sagte er, er habe einmal Wände gebaut, die keine Wände sein sollten. Ich habe das für eine Uhrmacher-Metapher gehalten. Für Doppelböden in Gehäusen. Jetzt nicht mehr.“
Beim Gehen blieb Maren an der Tür stehen. „Das Streichholzbriefchen. Zum Goldenen Anker. Sagt Ihnen das etwas?“
Pia schüttelte den Kopf. „Jonas hat nicht geraucht. Er hat gesagt, Rauch setzt sich in die Öle.“
Draußen hatte der Regen nachgelassen und der Nebel nicht. Tarek startete den Wagen und ließ die Heizung auf die Scheibe arbeiten.
„I. K.“, sagte er. „Und ein Mädchen, das ein Haus unterschreiben soll. Und ein Name, den jemand aus einer Uhr herausfeilen wollte.“
„Dall“, sagte Maren. „Wir lassen den Namen durch die alten Akten laufen. Nicht die neuen. Ab 1998.“