Was das Wasser zurückgibt, war nie für das Wasser bestimmt.
Kapitel 1
Kehrwieder
Erstellt von VelioraX
Der Anruf kam um vier Uhr siebenundzwanzig. Maren Voss stand schon am Fenster. Die Wohnung war dunkel, und die Elbe lag irgendwo hinter dem Regen, mehr Ahnung als Wasser. Sie schlief seit Wochen schlecht. Nicht wegen der Fälle. Die Stadt war nachts lauter geworden: Sirenen, Lieferwagen, das dumpfe Schlagen der Containerbrücken, das bei Westwind bis in die Neustadt trug.
„Kehrwiederfleet“, sagte Tarek. Seine Stimme war wach, aber ohne Eile. „Ein Mann. Die Frühschicht hat ihn gegen den Dalben gedrückt gefunden. Er ist nicht lange im Wasser gewesen.“
„Name?“
„Noch nicht. Aber die Uhr in seiner Manteltasche läuft. Goldenes Gehäuse, Kette, altes Werk. Sie tickt, als wäre nichts passiert.“
Maren zog den Mantel über das Hemd, in dem sie auf dem Sofa gelegen hatte. Im Treppenhaus roch es nach feuchtem Putz und nach dem Brot, das die Bäckerei im Erdgeschoss schon im Ofen hatte. Sie nahm die Treppe. Vier Stockwerke, und mit jedem wurde die Luft kälter und klarer.
Am Fleet standen zwei Streifenwagen mit ausgeschalteten Blaulichtern. Der Nebel lag so dicht auf dem Wasser, dass die Speicher nur als dunklere Massen zu erkennen waren. Backstein hält die Nacht fest, dachte sie. Sie kannte diese Gassen, seit sie als Kind zwischen ihnen Verstecken gespielt hatte. Damals roch es nach Kaffee und Teer. Heute roch es nach nassem Stein und nach dem Parfüm der Stadtführungen, die um neun wieder anfangen würden.
Der Mann lag auf einer Plane. Mitte fünfzig, schmales Gesicht, das nasse Haar an der Stirn geklebt. Kein Blut, das man im Licht der Taschenlampen gesehen hätte. Die Lippen waren blau, die Hände sauber, die Nägel kurz. Unter dem rechten Daumennagel zog sich eine feine schwarze Linie, Öl oder sehr altes Metall. Die Uhr steckte nicht am Handgelenk, sondern in der Innentasche, an einer Kette, und sie tickte wirklich.
Tarek reichte ihr zwei Beutel. Ein Messingschlüssel, die Zahl siebzehn sauber eingraviert. Ein Streichholzbriefchen, trocken, die Kanten scharf. Zum Goldenen Anker. Eine Kneipe, die es nicht mehr gab, oder eine, die Maren nie betreten hatte.
„Die Taschen waren zu“, sagte Tarek. „Schlüssel und Briefchen sind nicht aufgequollen. Entweder kamen sie erst ins Wasser, als er schon unten war, oder jemand hat sie ihm danach hineingelegt.“
„Oder er ist nicht dort ertrunken, wo wir ihn gefunden haben.“
„Rechtsmedizin, vorläufig: Trauma am Hinterkopf, Wasser in der Lunge. Was zuerst kam, sagen sie erst auf dem Tisch.“
Maren ging in die Hocke, ohne die Plane zu berühren. An der linken Augenbraue des Mannes lag eine alte Narbe, weiß, wie von einem Schnitt, den niemand genäht hatte. Sie merkte sich die Narbe. Gesichter entglitten ihr, wenn sie sie nur ansah und dann wegsah.
Ein junger Polizist trat von einem Fuß auf den anderen. „Die Speicherverwaltung sagt, nach zweiundzwanzig Uhr war niemand mehr gemeldet. Die Tore sind elektronisch. Kein Alarm.“
„Dann ist er früher gekommen“, sagte Maren, „oder durch eine Tür, die in keinem Plan als Tür gilt.“
Sie stand auf. Der Nebel schmeckte nach Brackwasser. Über ihnen ging in einem hohen Fenster ein Licht an und sofort wieder aus, als prüfe jemand nur, ob die Gasse noch da war.
„Wir fahren zur Werkstatt“, sagte sie. „Eine Uhr, die nach dem Tod weiterläuft, hat einen Menschen, der sie kennt.“